EMKG in der Praxis: vom Gefahrstoff zur Schutzmaßnahme
Wie das Einfache Maßnahmenkonzept Gefahrstoffe der BAuA aus Gefährlichkeit, Freisetzung und Menge eine konkrete Maßnahmenstufe ableitet, Schritt für Schritt an einem Beispiel.
Eine Gefährdungsbeurteilung für Tätigkeiten mit Gefahrstoffen ist Pflicht, aber kaum ein Betrieb kann eigene Luftmessungen anstellen. Genau dafür gibt es das Einfache Maßnahmenkonzept Gefahrstoffe (EMKG) der BAuA: ein Control-Banding-Verfahren, das aus wenigen Angaben eine passende Maßnahmenstufe ableitet. Dieser Beitrag geht den Ablauf einmal durch.
Drei Eingangsgrößen
Für die Bewertung des Einatmens braucht das EMKG drei Angaben:
- Gefährlichkeit in Form der Gefährlichkeitsgruppe A bis E, abgeleitet aus den H- und EUH-Sätzen des Produkts. Sind mehrere Produkte beteiligt, gilt die höchste Gruppe: das schlechteste Produkt gewinnt.
- Freisetzungsvermögen, also wie leicht der Stoff in die Luft gelangt: gering, mittel oder hoch. Für Flüssigkeiten richtet es sich nach dem Dampfdruck beziehungsweise Siedepunkt, für Feststoffe nach dem Staubungsverhalten. Die industrielle und gewerbliche Handhabung von Gasen liegt außerhalb des erprobten Anwendungsbereichs des EMKG; Caventi bewertet Gase zwar über ihre H-Sätze, kennzeichnet das Ergebnis aber als vorsichtige Erweiterung.
- Menge, die bei der Tätigkeit gehandhabt wird: klein (Gramm, Milliliter), mittel (Kilogramm, Liter) oder groß (Tonnen, Kubikmeter).
Von den Eingaben zur Maßnahmenstufe
Aus diesen drei Größen ergibt sich über eine Zuordnungstabelle die Maßnahmenstufe, die sagt, welche Art von Maßnahme dem Risiko angemessen ist:
- Stufe 1: Mindeststandards, also gute allgemeine Raumlüftung und die grundlegenden Organisations- und Hygieneregeln.
- Stufe 2: zusätzliche technische Maßnahmen wie eine gezielte Absaugung an der Freisetzungsstelle.
- Stufe 3: die Tätigkeit läuft weitgehend geschlossen oder eingehaust ab.
- Stufe 4: die einfachen Maßnahmen reichen nicht, eine Fachperson für Arbeitssicherheit ist beizuziehen.
Faustregel: Je höher die Gruppe, je größer die Menge und je stärker die Freisetzung, desto höher die Stufe. Die Gruppe E führt immer direkt zur Stufe 4.
Ein Beispiel
Nehmen wir eine Flüssigkeit der Gruppe C, die in kleiner Menge gehandhabt wird und ein mittleres Freisetzungsvermögen hat. In der EMKG-Matrix ergibt diese Kombination für Flüssigkeiten die Stufe 2, also technische Maßnahmen wie eine Absaugung. Für einen Feststoff mit sonst gleichen Angaben wäre es Stufe 1. Genau solche Feinheiten unterscheidet die Matrix nach Aggregatzustand; bei unbekanntem oder gemischtem Zustand gilt der strengere Wert.
Dauert die Tätigkeit weniger als 15 Minuten pro Tag, kann eine Stufe tiefer gewählt werden. Das gilt aber nicht bei lokal reizenden, ätzenden, atemwegssensibilisierenden oder geruchsintensiven Stoffen und nie für die Stufe 4.
Maßnahmen nach dem STOP-Prinzip
Zu jeder Stufe gehören konkrete Maßnahmen, und zwar in der gesetzlichen Rangfolge STOP: erst die Quelle, zuletzt die Person.
- Substitution: prüfen, ob sich der Gefahrstoff durch einen weniger gefährlichen ersetzen lässt. Die Gefährdungsbeurteilung beginnt bei jeder Tätigkeit mit Gefahrstoffen mit dieser Substitutionsprüfung, unabhängig von der Gruppe.
- Technisch: Lüftung, Absaugung, geschlossene Systeme, kumulativ mit steigender Stufe.
- Organisatorisch: Expositionsdauer begrenzen, Zahl der exponierten Personen verringern.
- Persönlich: persönliche Schutzausrüstung als letzte Maßnahme.
Nicht nur Einatmen
Das EMKG beurteilt dieselbe Tätigkeit auch auf Hautkontakt (Schritte 5 bis 7, mit einer Gefährlichkeitsgruppe Haut von HA bis HE) und in einem eigenen Modul auf Brand- und Explosionsgefährdung. Wer die Einatem-Bewertung verstanden hat, findet sich in beiden schnell zurecht. Die vollständige Methode mit allen Tabellen steht auf der Seite EMKG einfach erklärt; das zweite Modul finden Sie unter Brand und Explosion.
Wo das EMKG endet
Das EMKG ist in Deutschland eine anerkannte Hilfe, um die Gefährdungsbeurteilung nach GefStoffV und ArbSchG ohne eigene Messungen zu erfüllen; getragen wird es von den Technischen Regeln TRGS 400 und TRGS 500. Es bleibt aber eine Entscheidungshilfe und ersetzt die Verantwortung des Arbeitgebers nicht. Maßgeblich sind das Sicherheitsdatenblatt und die Beurteilung im Einzelfall.
Vom Datenblatt zur Beurteilung
Von Hand ist das EMKG eine Tabellenübung: H-Sätze nachschlagen, Gruppe bestimmen, Freisetzung schätzen, in der Matrix suchen. Genau hier setzt eine digitale Lösung an: Sie liest die Sicherheitsdatenblätter aus, leitet Gefährlichkeitsgruppe und Freisetzungsvermögen ab und berechnet für jede Tätigkeit die Maßnahmenstufe samt STOP-Maßnahmen. Die Ergebnisse fließen direkt in die Betriebsanweisung ein, die den Beschäftigten die Maßnahmen am Arbeitsplatz erklärt.